Wunder (Stephen Chbosky)

Wunder (Stephen Chbosky)

Vielschichtiger Film über einen ungewöhnlichen Jungen: [usr 5.0]

Das Zeitalter der Individualisierung hat einen seltsamen Effekt hervorgerufen, den der Soziologe und Individualisierungsforscher Ulrich Beck so nicht vorhergesehen hat. Klar vorgezeichnete Lebenswege gibt es nicht mehr, sodass für jeden eine Vielzahl an Möglichkeiten besteht, das eigene Leben so zu gestalten, wie man das möchte. Doch wo man selbst verantwortlich wird für das, was man wählt, sucht man neue Leitbilder, neue Orientierung. Je größer ausgeprägt die Optionen für den Einzelnen, so scheint es, desto wichtiger wird die Nähe zur Normalität. Statt einer Vielzahl individueller Lebensentwürfe gibt es also plötzlich eine Norm, an die man sich unbewusst hält.

Abweichungen gibt es kaum – je normaler, desto besser. Berühmt werden kann man heute dadurch, dass man den absoluten Durchschnitt repräsentiert. Und „Das ist normal so“ wird zum Totschlag-Argument, mit dem man Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Handelns unterbindet und stattdessen den Zweifler in Frage stellt. Denn auch das ist eine besondere Eigenschaft der Normalität, wie sie gerade für Jugendliche glücksentscheidend sein kann: Was normal ist, bestimmt man niemals selbst. Das bestimmen andere für einen, und meist über das, was sie mit eigenen Augen sehen können. Oder anders ausgedrückt: Normal ist, was (oder wer) normal aussieht.

Kein Wunder, dass Auggie Pullman (Jacob Tremblay) normal sein will. Er ist zehn Jahre alt und wurde bisher von seiner Mutter Isabel (Julia Roberts) zuhause unterrichtet. Doch diese stößt mittlerweile an ihre fachlichen Grenzen und möchte ihrem Sohn eine bessere Ausbildung zukommen lassen, als sie es zu leisten vermag. Also steht Auggies erster Tag an einer normalen Schule an, vor dem er noch mehr zittert als andere Zehnjährige. Denn zwar lebt Auggie eigentlich ein ganz normales Leben – er spielt gerne mit der X-Box, steht auf Star Wars, mag Eis, liebt seinen Hund Daisy und möchte Astronaut werden -, aber auf den oft so wichtigen ersten Blick wirkt Auggie alles andere als normal. Ein Gendefekt hat dazu geführt, dass er das Treacher-Collins-Syndrom hat und sein Gesicht dadurch deformiert ist.

Alles, was andere sehen, wenn sie Auggie ansehen, sind seine fast fehlenden Ohren, die Narben aus mehr als zwanzig Operationen, seine wächsernen Gesichtszüge und seine an der falschen Stelle platzierten Augen. Alles, was Auggie sieht, wenn er unter Menschen ist, sind deren Schuhe – denn schon lange hat er sich angewöhnt, niemandem mehr ins Gesicht zu schauen.Filmplakat Wunder

Ein hartes erstes Jahr für Familie Pullman

Wunder erzählt die Geschichte von Auggies erstem Jahr in der Schule, das natürlich nicht von Anfang an glatt verläuft. Zwar bietet seine fantastische Familie – neben Mutter Isabel auch Vater Nate (Owen Wilson) und Schwester Via – ihm viel Rückhalt, der Schuldirektor Mr. Tushman (im Deutschen Pomann) hat wirklich Ahnung von seinem Job und leitet die Kinder und Jugendlichen durch eine schwierige Zeit und es gibt auch ein paar nette Mitschüler.

Auggies Klassenlehrer Mr. Brown ist sogar ein echtes Vorbild. Er hat seine Wallstreet-Karriere an den Nagel gehängt, um Kinder zu unterrichten, und gibt diesen nun mit seinen Maximen Entscheidungshilfen an die Hand, die aus ihnen bessere Menschen machen sollen. „Wenn du die Wahl hast, Recht zu haben oder freundlich zu sein, wähle die Freundlichkeit“ oder „Lass deine Taten deine Denkmäler sein“ zeigen, dass er seinen Schützlingen Werte beibringen möchte, die einen nicht unbedingt an die Wallstreet führen: Eigenverantwortung, Urteilsvermögen und Güte.

Das funktioniert teilweise sogar und fruchtet bei manchen Schülerinnen und Schülern. Grundsätzlich lässt Auggies Umwelt ihn aber niemals vergessen, dass er nicht ist wie sie. Jede Handlung, jeder gesprochene Satz – egal von wem – entsteht unter dem Eindruck, dass Auggie eben nicht normal ist.

Nicht nur für Auggie und seine Mitschüler bringt dieses Jahr viele Veränderungen, sondern auch für seine Familie. Schwester Via hat ihre ganz eigenen Probleme an der Schule, die nichts damit zu tun haben, dass sie nicht normal genug wäre – auch, wenn sie dies zeitweise glaubt. Mutter Isabel will ihr Studium beenden, das sei bei Auggies Geburt abgebrochen hatte, und wieder als Kinderbuch-Illustratorin arbeiten. Dass die Zeichnungen von Isabel an die Illustrationen aus Der kleine Prinz erinnern, ist sicher kein Zufall. Schließlich lautet dessen Maxime „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ – was eine ziemlich gute Zusammenfassung des Films Wunder ist.

Das Besondere am Film Wunder

Das eigentlich Besondere an Wunder ist jedoch gar nicht die Geschichte von Auggie und seiner Familie. Es ist die Art, wie diese Geschichte erzählt wird. Zunächst folgt man der Geschichte aus Auggies Perspektive, doch bald schon ändert sich der Blickwinkel. Seine Schwester Via wird zur Hauptfigur und man erhält einen sehr berührenden Einblick in ihre Gefühle und Probleme. Auch andere Charaktere erhalten ihre eigenen Kapitel und werden so von der Neben- zur Hauptfigur.

Dieser Perspektivwechsel verleiht Wunder unglaubliche Vielseitigkeit und Tiefe, weil die Geschichte nicht einfach aus anderer Sicht weitererzählt wird, sondern weil man sich mit jedem einzelnen Charakter identifizieren kann. Dadurch wird so deutlich wie nur selten, dass es nie eine ganz einfache richtige Lösung für ein schwieriges Problem geben kann, weil eben alle Beteiligten eine andere Wahrnehmung haben. „Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte“ lautet denn auch eine von Mr. Browns Maximen – und der Film zeigt, dass es durchaus auch mehr als zwei sein können.

Obwohl Auggie natürlich die eigentliche Hauptfigur der Geschichte ist – schließlich wird sein erstes Jahr in der Schule erzählt – schafft der Film es, die anderen nicht als Nebenhandlungen oder unwichtigere Erzählstränge abzutun. Vielmehr stehen alle Perspektiven gleichberechtigt nebeneinander. So ist die Geschichte, die mich am meisten berührt hat, auch gar nicht Auggies Kampf um ein bisschen Anerkennung, sondern Vias Schattendasein in der Familie, das ihr niemand bewusst antut und das sie freiwillig aus Liebe zu ihrem Bruder und ihren Eltern wählt.

Wunder: Unterschiede zum Buch

Bevor Stephen Chbosky (der mit Das also ist mein Leben eins meiner Lieblingsbücher geschrieben und später selbst verfilmt hat) Wunder drehte, sorgte die gleichnamige Roman-Vorlage von Raquel J. Palacio bereits für Aufmerksamkeit. Das Buch wurde zum Bestseller und gewann zahlreiche Preise. Wer den Roman gelesen hat, will sicher wissen, welche Unterschiede zum Buch es gibt.

Ich selbst habe zuerst den Film gesehen, dann das Buch gelesen und dann den Film noch einmal gesehen, und natürlich gibt es Unterschiede. Der Mr. Brown im Film ist aus zwei Lehrkräften im Buch entstanden, die Geschichte von Auggies Freundschaften verläuft ein wenig anders und insgesamt wird das Schul- und das Familienleben von Auggie im Buch natürlich ausführlicher beschrieben.

Die besondere Erzählweise des Buchs, die unterschiedlichen Stimmen, die zur Sprache kommen, die verschiedenen Sichtweisen auf die Geschichte gibt der Film jedoch genau so wieder wie der Roman. Der Film schafft es sogar, Auggies Gesicht nicht von Anfang an zu zeigen, genau wie das Buch ihn erst in einem späteren Kapitel beschreibt. Insofern zeichnet sich der Film durch die gleiche Feinfühligkeit, Offenheit und neutrale Perspektive wie das Buch aus. Fans des Romans dürften also auch vom Film begeistert sein.

Dazu wird nicht zuletzt die schauspielerische Leistung vor allem der jugendlichen Darsteller beitragen. Jacob Tremblay, der bereits in Raum fantastisch gespielt hat, gibt Auggie mutig, verletzlich, wütend und intelligent zugleich und sorgt so dafür, dass man in jedem Moment mit ihm mitfühlt. Aber auch die anderen Darsteller – Izabela Vidovic als Via und ganz besonders Noah Jupe als Auggies Freund Jack Will – verleihen dem Film Authentizität und Tiefe, denn sie spielen absolut glaubwürdig Charaktere, die sich anstrengen, das Richtige tun wollen, aber eben auch Fehler machen und mit sich selbst hadern. Denn wenn überhaupt etwas normal ist an Auggie und seinem Umfeld, dann sind das die Probleme, die alle mit sich herumtragen und bestmöglich zu lösen versuchen.

Was man aus Wunder mit nach Hause nimmt

Am Start-Tag von Wunder hörte ich eine Radio-Kritik zum Film, die sich im Wesentlichen auf ihren letzten Satz zusammenfassen lässt: Der Film ist was fürs Herz. Das ist er definitiv, und wer sich von Filmen leicht emotional mitnehmen lässt, dürfte das Kino wohl kaum verlassen, ohne die ein oder andere Träne verdrückt zu haben. Dazu tragen die bereits erwähnten tollen schauspielerischen Leistungen, die zwischen traurig und hoffnungsvoll schwankende Geschichte und nicht zuletzt der fantastische Soundtrack bei. Vor allem die White Stripes hallen einem nach dem Kinobesuch noch lange im Ohr. Und Auggies ganz eigener Maxime, dass (fast) jeder zumindest einmal im Leben Standing Ovations verdient hat, kann man nach dem Film ebenfalls nur zustimmen.

Wunder ist aber mehr als einfach „nur“ ein Familien-Film, der einen zu Tränen rührt. Er ist vielschichtig und spricht mehrere wichtige Themen an. Ja, die Hauptfigur ist ein Junge, der es schwer hat und sich gegen viele ungerechte Widerstände durchsetzen muss. Aber nicht nur er hat es schwer. Auch seine Eltern, seine Schwester und seine Freunde stehen ihrem Leben oft ratlos gegenüber. Auch sie wollen „normal“ sein und ecken an – auch, wenn es nicht so offensichtlich ist wie bei Auggie. Denn „normal“ kann es eigentlich nicht mehr geben, wenn man zu jedem Zeitpunkt seines Lebens entscheiden kann, jetzt doch noch einmal alles anders zu machen. Wunder bleibt nicht bei dieser Feststellung, sondern setzt an die Stelle des Normalen andere Orientierungspunkte, die tatsächlich dringend benötigt werden, wenn einem alle Türen offen stehen und man nicht weiß, welche man nehmen soll: Werte wie Güte, Freundlichkeit und Achtsamkeit.

Die Botschaft, die man aus dem Kino mitnimmt, lautet dann auch: Es ist besser, danach zu streben, den richtigen als den normalen Weg zu gehen. Denn wenn alle normal sind, heißt das gleichzeitig, dass niemand außergewöhnlich sein kann, und das wäre ein Verlust für alle. Dann gäbe es keine außergewöhnlichen Menschen wie die, die in Wunder skizziert werden, keine außergewöhnlichen Bücher wie die mehrfach ausgezeichnete Roman-Vorlage und auch keine außergewöhnlichen Filme wie diesen.

Infos zum Film

Wunder
(Wonder)

USA, 2017
111 Minuten
Filmverleih: Studiocanal
Regie: Stephen Chbosky
Drehbuch: Steven Conrad, Jack Thorne, Stephen Chbosky
mit Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson
FSK: frei ab 0

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