Ungewöhnlicher Coming-of-Age-Film mit einer starken Heldin: [usr 4.5]

DVD-Cover Willkommen im Tollhaus

DVD-Cover Willkommen im Tollhaus

Man kennt diese US-amerikanische Teenie-Hölle aus Serien und Filmen: Der mittägliche Spießrutenlauf zu einem Sitzplatz, an dem man sowieso nicht willkommen ist, der mit Schimpfwörtern beschmierte Schul-Spind und Spitznamen, die den Finger nicht nur auf die Wunde legen, sondern ausgiebig darin herumstochern. Für Dawn Wiener ist das der Alltag. In ihrer Junior High School ist sie so unbeliebt, dass selbst die anderen Außenseiter nichts mit ihr zu tun haben wollen. Der Grund, der ihr auch ungefragt mehrmals täglich genannt wird: Sie ist hässlich, und das ist im Junior High-Alter das soziale Todesurteil.

Zu Hause läuft es für Dawn auch nicht besser, denn auch hier sind schon alle Rollen besetzt. Für ihre kleine elfengleiche Schwester Missy sind durch ihre Niedlichkeit schon die Weichen für ein Leben gestellt, das sich von Dawns ganz deutlich unterscheiden wird, und bei ihrer Mutter hat Missy einen so großen Stein im Brett, dass sich die kleine Ballerina so ziemlich alles erlauben kann – und erlaubt. Leidtragende ist meist Dawn, denn geraten die beiden nicht wirklich unschuldigen Schwestern aneinander, ist es immer Missy, die Recht bekommt. Dawns Bruder Mark dagegen hält sich nicht mit schnöden Äußerlichkeiten auf. Er hat nur ein Ziel: auf ein gutes College zu kommen. Dafür lässt er seine Freundin und seine eigenen Interessen auch gerne hinten anstehen. Dawn ist im Gegensatz zu ihren Geschwistern weder hübsch noch gut in der Schule, so dass für sie zu Hause nur noch der Posten als schwieriges Kind, als diejenige, die immer Ärger macht, frei ist. Doch auch wenn es zunächst nicht so aussieht, trifft das Glück Dawn ausgerechnet in den eigenen vier Wänden.

Um noch irgendwelche sozialen Aktivitäten in seine College-Bewerbung schreiben zu können, gründet Mark mit zweien seiner Streber-Freunde eine Band. Die drei sind jedoch so unmusikalisch, dass sie – im Tausch gegen Nachhilfe-Stunden – Sänger, Gitarrist und Schul-Schwarm Steve in die Band ködern. Wie alle Mädchen von 12 bis 32 verfällt auch Dawn dem selbstgefälligen Charme des Möchtegern-Gigolos und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Dass Steve vielleicht nicht auf Dreizehnjährige im blauen Schlafanzug stehen könnte, stört sie dabei keineswegs, denn schließlich fühlt sie sich für den etwas älteren Jungen bestimmt. Dass gleichzeitig ein Mitschüler ankündigt, sie zu vergewaltigen, ohne dass beide wahrscheinlich so richtig wissen, was damit gemeint ist, ist nur ein weiteres Hindernis auf Dawns Weg zum selbstbestimmten Glück.


 

Willkommen im Tollhaus: Dawn Wiener wehrt sich

Anders als in vielen anderen Coming-of-Age-Geschichten ist Dawn Wiener nicht unsicher, sondern im Gegenteil schlägt sie manchmal sogar über die Stränge, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt – was ziemlich häufig der Fall ist. Schon auf den ersten Blick passt sie nicht hinein in diese Welt der hübschen und verschwisterten Schüler, doch Dawn will sich weder anpassen noch hinnehmen, dass die anderen sie behandeln können, wie sie wollen. An sehr vielen Stellen im Film spürt man förmlich, wie Dawn der Kragen platzt, wie sie sich sagt, dass es jetzt ein für alle mal genug ist und wie sie einen Schlussstrich unter die Eskapaden ihrer Mitschüler zieht. Ihr persönliches Erwachsenwerden dreht sich nicht um eine Suche nach sich selbst, sondern besteht vielmehr in einem Austarieren ihrer eigenen manchmal etwas heftigen Reaktionen auf ihre Umwelt.

Dass Dawn vor allem wütend wird, kann man spätestens dann verstehen, wenn man Missy und Dawns Mutter miteinander interagieren sieht, versteht, wie die Kleine jeden um den Finger wickelt und das manchmal nur, um ihrer älteren Schwester eins auszuwischen. Diese lernt, dass man nichts zu erwarten hat, wenn man sich nicht kooperativ verhält – besonders eindrucksvoll in einer Szene am familiären Esstisch, in der Dawns Nachtisch unter ihren Geschwistern aufgeteilt wird, weil sie sich weigert, ihr Club-Haus im Garten abzureißen, und die damit endet, dass die Mutter Mark und Missy bittet, dieses „Ding“ am Wochenende gemeinsam mit ihr wegzuräumen. Dawns Reaktion darauf ist jedoch kein Einknicken, sondern erst Recht ein Festhalten an ihren Überzeugungen. Dawn Wiener lässt sich ihren Willen nicht brechen.

All die Eigenheiten, die besonderen Gefühle des Erwachsenwerdens, sind extrem gut beobachtet. Wenn Dawn völlig fasziniert und mit schmachtendem Blick vor Steve sitzt, der schmatzend in sich hinein stopft, was sie ihm liebevoll zubereitet hat, und sich nach vollendetem Mahl die Finger abschleckt, ist man als Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Verständnis bezüglich der Blindheit wahrer Liebe, in deren Licht auch noch die letzte Ungehobeltheit wie anbetungswürdige Wildheit wirkt, und einem nachsichtigen Kopfschütteln auf Grund der Naivität Dawns, die sich ausgerechnet in einen vollkommenen Idioten verliebt.

Willkommen im Tollhaus ist eine wunderbar unangepasste, manche Grenzen überschreitende Coming-of-Age-Geschichte, die in vielem ihrer Hauptfigur Dawn Wiener gleicht und die sich besonders um das Ausgeschlossensein als Hindernis und Katalysator des Erwachsenwerdens dreht. Die vielen verschiedenen Gründe, nicht von der Mehrheit anerkannt zu werden – Äußerlichkeiten, Armut, ein nicht vorzeigbares Elternhaus – werden dabei ebenso thematisiert wie Rückzug und Angriff als Gegenstrategien. Für Freunde des Genres eine echte Bereicherung und ein etwas anderer Film.

Willkommen im Tollhaus gewann 1996 den Preis der Grand Jury beim Sundance Film Festival.

Bildnachweis: von Festival Internacional de Cine en Guadalajara [CC-BY-2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Infos zum Film

Willkommen im Tollhaus
(Welcome to the Dollhouse)

USA, 1996
98 Minuten
Filmverleih: Studiocanal
Regie: Todd Solondz
Drehbuch: Todd Solondz
mit Heather Matarazzo, Brendan Sexton Jr.,
Eric Mabius, Matthew Faber
FSK: frei ab 12

 

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