Melancholischer Film über Süchte, über das Erwachsenwerden und das Erwachsensein: [usr 5.0]

DCD-Cover Thumbsucker

DCD-Cover Thumbsucker

Mit dem Satz „Dich macht doch so gut wie alles fertig“, bringt Justins kleiner Bruder Joel es auf den Punkt: Justin Cobb (Lou Taylor Pucci) macht sich viel zu viele Gedanken, ist zu unsicher, zu schüchtern und hat mehr Sorgen als er verkraften kann. Im Grunde ist Justin also ein ganz normaler 17jähriger. Was ihn von anderen Teenagern unterscheidet, ist jedoch, wie er mit dem ganzen Stress, der auf ihn einstürzt, umgeht: Justin lutscht auch noch 15 Jahre, nachdem so ein Verhalten als normal durchgeht, am Daumen. Nicht in der Öffentlichkeit und halbwegs kontrolliert, aber wenn es ihm zu viel wird, verschwindet er ins Wohnzimmer oder auf die Schultoilette, steckt den Daumen in den Mund und ist ganz bei sich. Justins Vater Mike (Vincent D’Onofrio) ist die Angewohnheit seines Sohns ein Dorn im Auge, und er glaubt, dass er sie durch besonders strenge Regeln in den Griff bekommen wird. Justins Mutter Audrey (Tilda Swinton) begegnet ihrem Sohn und seinem im Vergleich zu anderen Teenager-Allüren sehr harmlosen Tick mit Liebe und Verständnis, darüber hinaus ist sie aber vor allem daran interessiert, irgendwie in die Nähe von Filmstar Matt Schramm, für den sie gar nicht so heimlich schwärmt und in dessen Entzugsklinik sie zufällig versetzt wird, zu gelangen.

Auch Justins Kieferorthopäde Dr. Lyman (Keanu Reeves) erkennt berufsbedingt, was Justin niemandem freiwillig verrät. Und er hat auch eine Lösung parat: Er hypnotisiert Justin, damit sein Daumen ihm nicht mehr schmeckt. Tatsächlich zeigt die Hypnose Wirkung, doch da Justin nun jeglicher Ausgleich zu seinem ganzen Teenager-Stress fehlt, kann er in der Schule überhaupt nicht mehr funktionieren. Im Debattier-Club von Mr. Geary, (Vince Vaughn), in dem er vorher schon nicht der beste Schüler war, bekommt er kein Wort mehr heraus, und seine Fast-Freundin Rebecca zieht sich auf Grund seiner Verschlossenheit schneller wieder von ihm zurück als er sein Glück überhaupt begreifen konnte.

Nachdem Justin seinen Bruder Joel dazu anstiftet, sich gemeinsam mit ihm an Dr. Lyman für die Hypnose zu rächen, wird Justin zum Schul-Psychologen beordert, der an Hand einer Reihe von ziemlich vagen Symptomen ADHS diagnostiziert. Die Lösung liegt auf der Hand: Justin soll Ritalin nehmen. Während seine Eltern auf ihre bewährten Erziehungsstrategien zurückgreifen – Mike findet, dass Justin sich nur etwas mehr anstrengen muss, Audrey kann sich nicht vorstellen, dass Medikamente ihrem Kind helfen – ist Justin begeistert von der Aussicht auf Hilfe. Die Idee, dass mit ihm eine ganz konkrete, heilbare Sache nicht stimmt, verschafft ihm große Erleichterung – und das Ritalin, das er schließlich erhält, gibt ihm einen riesigen Aufschub. Justin wird konzentrierter und selbstsicherer und kann seine Talente endlich richtig nutzen. Im Debattier-Club wird er der neue Star, der alle freundich, aber bestimmt an die Wand diskutiert, und das Daumenlutschen gehört auch der Vergangenheit an. Doch der neue Justin gefällt seiner Umwelt auch nicht besser als der alte.


 

Thumbsucker: Hohe Erwartungen an einen ganz normalen Jugendlichen

Wenn man sieht, wie wenig Kind Justin sein darf, wie sehr die Erwartungen, die an ihn gerichtet werden, die an einen Erwachsenen sind, wundert es einen nicht, dass er sich als Ausflucht eine Angewohnheit aus der frühesten Kindheit bewahrt hat. Seine Eltern lassen sich beim Vornamen nennen, damit sie sich nicht alt fühlen, Mutter Audrey zieht ihn ins Vertrauen bezüglich ihrer Schwärmerei für Schauspieler Matt Schramm und Mr. Geary geht so hart mit ihm ins Gericht, dass man das Kartenhaus im Inneren von Justin buchstäblich zusammenstürzen sieht, als der Lehrer ihm auf den Kopf zu sagt, was er von dem Jungen hält. Nicht nur im Debattier-Club ist Justin angezogen wie ein kleiner Erwachsener: stets trägt er ein Hemd, und dass er sich auch mal gehen lässt, erkennt man nur an den mal mehr und mal weniger gewaschenen Haaren. Die Kluft zwischen Innen und Außen ist bei ihm so groß, dass nur der Daumen im Mund sie überbrücken kann.

Justins größte Schwierigkeit besteht darin, dass man ihm immer wieder deutlich und schmerzhaft vor Augen führt, wie sehr Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander liegen. Als er relativ schüchtern seine eigene Meinung im Debattier-Club äußert, wirft man ihm vor, dass er schlecht vorbereitet ist; als er schließlich dank seiner Ritalin-Behandlung zum Star der Debattier-Mannschaft aufsteigt, wirft man ihm Arroganz vor – und das, obwohl er nur die gelernten Diskussionsregeln befolgt. Immer wieder flüchtet Justin sich in seine Fantasien, in denen er endlich von den anderen akzeptiert wird. Die Lösung, die der deutsche Untertitel „Bleib wie du bist!“ schon anbietet, ist so naheliegend wie schwer umsetzbar: Justin müsste einfach aufhören, sich zu verbiegen. Doch da ihm die erwachsenen Vorbilder fehlen, sein Vater das Ende seiner Football-Karriere – ganz klassisch auf Grund einer Knieverletzung – nie verwunden hat, hat Justin nie gelernt, er selbst zu sein. Und so sucht er eben Trost, indem er seinen Daumen in den Mund steckt und wieder zum Kind wird, dem all die Probleme nichts anhaben können.

Doch das Daumenlutschen ist nicht nur eine lästige Angewohnheit von Justin, es ist auch eine Sucht, denn so wie ein Alkoholiker zum Glas greift und der Raucher zur Zigarette, bekämpft Justin seine Ängste und seinen Stress mit dem Daumenlutschen. Dass ihm das Ritalin unter anderem dazu verhilft, vom Daumenlutschen loszukommen, liegt vor allem daran, dass er darin eine Ersatzdroge gefunden hat – die auch nicht die letzte bleiben soll. Suchtverhalten spielt insgesamt eine große Rolle in Thumbsucker, und Audrey, die sich aus beruflichen Gründen mit dem Thema auskennt, ist sogar der Meinung, dass jeder nach irgendetwas süchtig ist. Daumenlutschen ist unter diesem Gesichtspunkt tatsächlich noch eine harmlose Option.

Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci, der den Justin verlässlich, orientierungslos und doch optimistisch spielt, wurde für seine grandiose Darstellung völlig zu Recht mit dem Grand Jury Prize auf dem Sundance Film Festival 2005 ausgezeichnet.

Ein großer Teil des vermittelten bejahenden Lebensgefühls entsteht durch den Soundtrack von Thumbsucker. Dieser sollte eigentlich vollständig von Elliott Smith komponiert werden, der auch schon zu American Beauty, Good Will Hunting und The Royal Tenenbaums Stücke beisteuerte. Da Smith jedoch während der Produktionsphase des Films verstarb, stammen nur drei Stücke aus seiner Feder.

Thumbsucker ist ein ganz besonderer Coming-of-Age-Film im Stil der melancholischen Komödie, der einen nachempfinden lässt, wie schwierig es manchmal sein kann, man selbst zu sein.

Infos zum Film

Thumbsucker
Land, Jahr
96 Minuten
Filmverleih: Stardust Filmverleih
Regie: Mike Mills
Drehbuch: Mike Mills
mit Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton,
Vincent D’Onofrio, Keanu Reeves,
Vince Vaughn, Benjamin Bratt
FSK: frei ab 12

 

[manual_related_posts]
Google

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen