Fesselnder Thriller mit fantastischem Cast und ein paar Lücken: [usr 4.0]

DVD-Cover The Counselor

DVD-Cover The Counselor

Ciudad Juárez ist das wohl bekannteste Beispiel dafür, was passiert, wenn Wohlstand und Armut, Macht und Machtlosigkeit aufeinandertreffen. Die mexikanische Grenzstadt, die auf Grund ihrer Lage sowohl als Standort für US-amerikanische Investoren auf der Suche nach Niedrig-Lohn-Arbeitern als auch für mexikanische Drogen-Exporteure äußerst attraktiv ist, ist nicht nur eine der am schnellsten wachsenden, sondern auch der gefährlichsten Städte der Welt. Mexikanischer Drogenkrieg, Menschen- und Drogen-Schmuggel und eine seit den 1990ern Jahren anhaltende Mordserie an jungen Frauen führen zu einer vergleichslosen Kriminalitätsstatistik – und im Schnitt sieben Morden am Tag. Diese Großstadt scheint der Ort zu sein, an dem heute am deutlichsten wird, wozu der Mensch fähig ist.

Nicht weit von Ciudad Juárez, doch natürlich nördlich der Grenze, lebt der Counselor – Anwalt – (Michael Fassbender), der so sehr sein Beruf geworden ist, dass niemand ihn mit Namen anspricht und selbst seine Freundin Laura (Penelope Cruz) ihn nur „Counselor“ nennt. Die Beziehung der beiden läuft so gut, dass er ihr einen Heiratsantrag macht, samt eigens in Amsterdam beschafftem Diamantring, zu dem man gar nicht Nein sagen kann. Der Lebensstil, den der Counselor sich angewöhnt hat, geht dabei langsam über die Verhältnisse eines Anwalts hinaus, doch die Nähe zur mexikanischen Grenze und sein Status als Mann des Gesetzes bieten ihm Möglichkeiten, seine Kasse schnell und effizient aufzubessern.


 

The Counselor: Zwischen Gier und Angst

Der befreundete Nachtclub-Besitzer Reiner (wie immer unglaublich wandlungsfähig: Javier Bardem) bietet dem Counselor an, bei einem Drogen-Deal mitzuwirken, wobei er stets darauf bedacht ist, kein Wort über Drogen zu erwähnen, denn er traut niemandem, nicht mal seiner Lebensgefährtin Malkina (Cameron Diaz). Worin der Deal besteht, was die Aufgabe von Reiner, Counselor oder dem Mittelsmann Westray (Brad Pitt) ist, wird nicht klar, nur ist von Anfang an sicher, dass man sich mit Leuten eingelassen hat, die keinerlei Spaß verstehen, wenn es um ihr Geld geht.

Natürlich geht der Drogen-Deal schief – ein Motorrad-Kurier, den der Counselor kurz zuvor aus dem Gefängnis geholt hatte, um der Mutter des jungen Manns einen Gefallen zu tun, wird ermordet, womit der gesamte Deal an ein anderes Kartell geht. Sofort geraten Reiner, Westray und der Counselor in Verdacht, womit ihr Schicksal besiegelt scheint. Jemanden zu finden, mit dem man ganz rational darüber sprechen kann, wer denn nun für was die Verantwortung trägt, stellt sich als unmöglich heraus, und als Laura entführt wird, macht der Counselor sich in seiner Verzweiflung auf den Weg nach Ciudad Juárez, in der Hoffnung, seine Verlobte dort zu finden.

The Counselor sorgte bei manchen Zuschauern für Enttäuschung, wahrscheinlich, weil man bei der Zusammenarbeit von Ridley Scott (Regie) und Pulitzer-Preis-Träger Cormac McCarthy (Drehbuch) eine Mischung aus No Country For Old Men und Savages erwartet hatte. In gewisser Hinsicht ist The Counselor das sogar geworden, jedoch gibt es hier keinerlei für Drogen-Thriller typische Action-Szenen, die Gewaltdarstellungen sind zwar drastisch, werden aber ebenso wie der Drogen-Deal selbst und die gesponnenen Intrigen eher im Hintergrund gezeigt oder durch die Protagonisten erzählt, so dass dem Dialog deutlich mehr Bedeutung zuteil wird als der gezeigten Handlung des Films. Das widerspricht völlig den Seh-Gewohnheiten, und nach dem ersten Sehen von The Counselor war auch ich mehr als überrascht über die (scheinbaren) Lücken, die der Plot aufweist. In Wahrheit aber lassen sich die meisten dieser Lücken an Hand der zwischen ausrufend-verkürzt und ausufernd-philosophisch schwankenden Dialoge schließen.

Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie hätten tun sollen. Oder nicht tun. Ich weiß nur, dass die Welt, in der Sie Ihre Fehler ungeschehen machen wollen, nicht die Welt ist, in der sie begangen wurden. Sie stehen an einer Kreuzung, und nun glauben Sie, Sie können sich entscheiden. Aber es gibt hier nichts zu entscheiden. Die Entscheidung ist längst gefallen.

Deal! Reiner und der Counselor sind sich einig - Szenenbild aus The Counselor

Deal! Reiner und der Counselor sind sich einig – Szenenbild aus The Counselor

Doch auch ohne dass man jedes Detail des Deals, der Hintermänner und die Verzweigungen der Intrige kennt, die da gesponnen wird, kann man The Counselor einiges abgewinnen, denn die Drogen-Story dient nur als Hintergrund für eine Demonstration darin, wozu Menschen fähig sind, wodurch ihr Handeln angetrieben wird und wohin es sie führt. Wie auch andere Romane und Verfilmungen von McCarthy handelt The Counselor von der Unausweichlichkeit der Konsequenzen des eigenen Tuns, wobei damit keine Kausalität im eigentlichen Sinne („Ich tue etwas Böses, also werde ich bestraft.“), sondern eine lawinenartige Abfolge von Geschehnissen und Handlungen, die sich nacheinander bedingen und die in ihrer Unabwendbarkeit so kalt sind wie in Malkinas Augen die Wahrheit.

Malkina: Ich glaube nicht, dass ich etwas vermisse. Etwas ist da, und dann ist es weg. Ich glaube, es zu vermissen heißt zu hoffen, dass es zurückkommt. Aber es kommt nicht zurück. Das habe ich schon immer gewusst. Schon als kleines Mädchen.

Reiner: Findest du das nicht ein bisschen kalt?

Malkina: Ich finde, die Wahrheit hat keine Temperatur.

Grenzland: Malkina lässt es sich gutgehen - Szenenbild aus The Counselor

Grenzland: Malkina lässt es sich gutgehen – Szenenbild aus The Counselor

Diese Konsequenzen, die besonders, aber nicht nur, der Counselor zu tragen hat, bilden einen regelrechten Gegensatz zu den Handlungen: Was der Counselor tun sollte oder am Ende getan hat, ist so undurchsichtig, bleibt so vage, dass man vermutet, dass es wirklich gar nichts war. Die Folgen dieses Tuns, das sich im Kern auf die Bereitschaft, an einem Deal teilzuhaben, reduzieren lässt, sind dagegen konkret, drastisch und unübersehbar. Dies ist nicht der einzige Gegensatz, der in The Counselor eine wichtige Rolle spielt. Der Counselor, der auf den ersten Blick recht bieder wirkt, der 400 Dollar springen lässt, um den Sohn einer Klientin rauszuboxen und dem sein Freund Reiner bestätigt, dass er nicht von Gier getrieben ist, lässt sich des Geldes wegen mit Menschen ein, die das genaue Gegenteil seiner Arbeit und seiner Lebenswelt verkörpern.

Der krasseste Gegensatz des Films aber wird durch eine geographische Grenze bestimmt: In Ciudad Juárez, diesem Legende gewordenen Ort, an dem der Counselor in Anzug, Hemd und Krawatte von Mord-Spielen hört und unter den wachsamen Augen des Drogen-Kartells unangetastet bleibt, erfahren Hauptfigur und Zuschauer gleichermaßen, wozu der Mensch fähig ist: zu allem.

Infos zum Film

The Counselor
USA, 2013
117 Minuten
Filmverleih: Fox Deutschland
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Cormac McCarthy
mit Michael Fassbender, Cameron Diaz,
Javier Bardem, Brad Pitt, Penelope Cruz
FSK: frei ab 16

 

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