Filmplakat "Spieltrieb"

Filmplakat „Spieltrieb“

Auf den ersten Blick könnten sie verschiedener nicht sein: Ada (Michelle Barthel) ist mit 15 Jahren die mit Abstand Jüngste in ihrer Klasse, weil sie zwei Stufen übersprungen hat, kann nichts mit ihren vor allem auf Äußerlichkeiten bedachten Schulkameraden anfangen und wird von den Mitschülern gemobbt, was teils sogar in körperlichen Angriffen gipfelt. Nur zwei Erwachsene gibt es, die Ada ernst nimmt: den gehbehinderten Lehrer Höfi (Richy Müller), der Ada fördert und stützt, und den Sportlehrer Smutek (Maximilian Brückner), der als einziger nicht nur Adas Intelligenz, sondern ihr sportliches Talent fördern möchte. Zuhause ist Ada die einzige Erwachsene – der Stiefvater hat sich aus dem Staub gemacht, vom Vater wird schon gar nicht mehr gesprochen und statt das Schulgeld für Adas Privatschule aufzutreiben, bittet Adas Mutter (Ulrike Folkerts) ihre Tochter eher darum, zwischen Mutter und Stiefvater zu vermitteln. In ihrer freien Zeit ist Ada vor allem eins: allein. Ihre Einsamkeit jedoch ist selbst gewählt, da es für sie ohnehin niemanden gibt, der sie wirklich interessiert.

Alev (Jannik Schümann), der sich selbst als „Junge ohne Eigenschaften“ vorstellt und damit bei Ada, deren Lieblingsbuch Musils „Mann ohne Eigenschaften“ ist, sofort ins Schwarze trifft, ist dagegen älter als der Klassendurchschnitt. Doch nicht nur die Tatsache, dass er bereits volljährig ist, sichert ihm die Aufmerksamkeit der Mitschüler und vor allem Mitschülerinnen. Der 18jährige ist dank seines reichen Vaters schon in der ganzen Welt herumgekommen, liebt es, im Mittelpunkt zu stehen, und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Was ihn im Gegensatz zu den anderen Schülern dennoch dazu bringt, sich für Ada zu interessieren, ist deren ganz offensichtlich überdurchschnittliche Intelligenz und ihre Weigerung, sich vorgegebenen Denkmustern zu unterwerfen. In diesem Punkt sind sich die beiden dann doch sehr ähnlich: Sie wissen, dass ihnen niemand etwas vordenken kann.


 

Welt ohne Orientierungspunkte

Ada ist ebenfalls fasziniert von Alevs Intelligenz, aber genau so von seiner Unkonventionalität, und sie lässt sich gerne darauf ein, mit ihm in einen Stripclub zu gehen oder auf seinem Internatszimmer herumzuhängen. Aus der Faszination wird Verliebtheit, doch Alev bändelt gleichzeitig mit Odetta an, die in allem das absolute Gegenteil von Ada ist: hübsch, reich, oberflächlich. Dennoch kann Ada nicht von Alev lassen, und seine Theorie, dass alles im Leben ein Spiel ist und man diesem Spieltrieb nur folgen müsse, nistet sich langsam auch bei ihr ein.

Während einer Klassenfahrt kommt es zu einer besonderen Begegnung mit Smutek, der von seiner Ehefrau Magda (Sophie von Kessel) begleitet wird. Die Ehe ist unglücklich, doch Magdas Depressionen und Smuteks Verantwortungsgefühl halten ihn bei ihr. Als Ada nachts am See joggen geht, sieht sie, wie Magda versucht, sich zu ertränken. Ada rettet die Frau des Lehrers und kommt ihrerseits völlig unterkühlt in die Jugendherberge, die die Klasse bewohnt, zurück. Smutek denkt nicht lange nach und stabilisiert Adas Körpertemperatur durch ein heißes Bad wieder – eine Tatsache, die selbst Höfi mit Sorge betrachtet und die Alev, als er am nächsten Tag davon hört, auf eine Idee bringt, seinen Spieltrieb an Smutek ausleben zu lassen: Ada soll den Lehrer verführen und Alev will mit der Kamera dabei sein. Anschließend will er den Lehrer erpressen, nicht etwa um Geld, sondern darum, immer und immer wieder Sex mit Ada zu haben. In Alevs verdrehter Vorstellung tut er dem Lehrer damit einen Gefallen, hilft ihm, aus seiner unglücklichen Ehe auszubrechen und ein neues Leben zu beginnen.

Ada verführt Smutek - Szenenbild aus "Spieltrieb"

Ada verführt Smutek – Szenenbild aus „Spieltrieb“

Ada zögert zunächst, da ihr das Spiel zu weit geht, doch als Höfi sich das Leben nimmt, weil er ohne seine verstorbene Frau nicht weiterleben kann, ist ihr einziger Orientierungspunkt im Leben Alev, dem sie bereitwillig folgt. Wer mit wem spielt, ist dabei nie ganz klar, und Ada selbst, die fast willenlos tut, was Alev von ihr verlangt, scheint eher Opfer als Täter des Spiels zu sein.

„Spieltrieb“ ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Juli Zeh (zur Rezension „Spieltrieb“ >>). Die Geschichte von Ada und Alev, deren Name jeweils nur einen Buchstaben von Adam bzw. Eva entfernt sind, ist eine des Erwachsenwerdens. Auch wenn beide in ihren Ansichten und Handlungen teils extrem sind, sind ihre Probleme doch dieselben, die jeder in dieser Phase des Lebens hat: Die Personen, die Halt und Orientierung bieten sollten, werden als das erkannt was sie sind – Menschen mit eigenen Schwächen und Fehlern – und die Möglichkeiten, Situationen falsch einzuschätzen und sich in einer Idee zu verrennen, sind vielfältig. Besonders eindrucksvoll zeigt dies eine Szene, in der sich die abgeklärte und über der Welt stehende Ada weinend im Schrank versteckt und plötzlich ganz deutlich dann doch noch ein Kind ist.

„Spieltrieb“ ist ab dem 10. Oktober im Kino zu sehen. Der Film ist eine wirklich gelungene Umsetzung der literarischen Vorlage, der nicht nur die Geschichte, sondern auch alles, was das Buch ausmacht, mit in den Film nimmt, und ein empfehlenswerter, wenn auch teilweise extremer Film über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens.

Infos zum Film

Spieltrieb
Deutshland, 2013
102 Minuten
Filmverleih: Concorde Film
Regie: Gregor Schnitzler
Drehbuch: Kathrin Richter,
Jürgen Schlagenhof
mit Michelle Barthel, Jannik Schümann,
Maximilian Brückner,
Richy Müller, Ulrike Folkerts,
Sophie von Kessel
FSK: frei ab 12

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