Hauptdarstellerin aus "Precious" Gabourey Sidibe, gdcgraphics [CC-BY-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Hauptdarstellerin aus „Precious“ Gabourey Sidibe, gdcgraphics [CC-BY-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Charlene „Precious“ Jones (Gabourey Sidibe) hat die gleichen Wünsche wie viele andere 16jährige: Sie möchte in einem Musikvideo tanzen. Auf das Cover einer Zeitschrift. Und einen Freund hätte sie gerne – am liebsten einen weißen. Vielleicht auch gleich ihren Mathe-Lehrer. Doch weiter als sie kann man von solchen Träumen kaum entfernt sein. Ihr Leben ist alles andere als traumhaft – Precious ist bereits zum zweiten Mal schwanger, nachdem sie schon eine Tochter mit Down-Syndrom hat. Und statt ihr Hilfe anzubieten oder genauer nachzuhören, wie das mit 16 überhaupt sein kann, wirft man sie von der Schule. Immerhin lag Precious mit ihrer Vermutung, dass ihr Mathe-Lehrer sie auch mag, nicht völlig daneben, denn dieser sorgt dafür, dass das Mädchen die Möglichkeit bekommt, eine Alternativschule zu besuchen.

Doch so einfach ist das nicht. Precious‘ Mutter Mary (Mo’Nique) will vor allem nicht, dass man ihr die Sozialhilfe kürzt, die sie für ihre Tochter und deren erstes Kind, das eigentlich bei der Urgroßmutter aufwächst, erhält. Dabei wäre es für Precious das Beste, aus dieser Familienhölle zu entkommen, die eher an ein Gefängnis erinnert. Ihre Zeit zu Hause muss das Mädchen damit verbringen, ihre Mutter zu bekochen, zu bedienen und ihre Wut und Aggressionen abzufangen. Diese äußern sich beständig in verbalen Attacken – zu einer normalen Lautstärke scheint Mary gar nicht fähig – aber auch schon mal in Form von geworfenen Gegenständen. Fällt Precious nach einem solchen körperlichen Angriff hin, „hilft“ ihr die Mutter beim Aufstehen, indem sie ihr einen Eimer Wasser ins Gesicht schüttet. Oder sie zwingt die stark übergewichtige Precious zu essen, obwohl sie schon kurz vorm Würgen ist. An Liebe oder Geborgenheit ist nicht zu denken, stattdessen scheint jegliche Aktivität der Mutter darauf ausgerichtet, Precious zu zerstören.

 


Geschichte eines Missbrauchs

Man erfährt auch bald, warum Mary ihre Tochter so sehr hasst. Sie wirft dem Mädchen vor, ihr den Mann ausgespannt zu haben. Denn Precious wird regelmäßig das Opfer ihres eigenen Vaters: Seit sie ein kleines Kind war, wurde sie missbraucht, und die Schwangerschaften sind beide auf Precious‘ Vater zurückzuführen. Für Mary ist klar, dass allein Precious die Schuld daran und an ihrem verpfuschten Leben im Allgemeinen trägt. Also sieht sie überhaupt nicht ein, warum sie ihre Tochter dabei unterstützen sollte, einen Schulabschluss zu machen.

Doch trotz all der Dinge, die man Precious in ihrem jungen Leben bereits angetan hat, ist sie stark und weiß, was sie will. Ohne Marys Wissen meldet sie sich in der Schule an, und trifft dort auf den ersten Menschen, dem sie etwas bedeutet – ihre Lehrerin Miss Rain, über die sie wunderbar treffende Worte findet (siehe unser Filmzitat aus „Precious“) und die der 16jährigen Hoffnung und dringend nötige praktische Hilfe gibt und überdies noch an sie glaubt.

 

Aufwühlendes Drama nach oscar-prämiertem Drehbuch

„Precious“ ist ganz klar einer der aufwühlendsten Filme, die ich je gesehen habe. Die Geschichte eines Mädchens, deren Leben ihr von den Menschen, denen sie eigentlich vertrauen können sollte, regelrecht angetan wurde, besteht aus einer Kette an Ungerechtigkeiten, die einen beim Zuschauen – und noch lange danach – nicht loslassen. Die Altersfreigabe von 12 Jahren kann ich nicht wirklich verstehen. Zwar werden keine detaillierten Gewaltdarstellungen gezeigt, doch die Auslassungen und Andeutungen genügen, um einige Szenen nur schwer ertragbar zu machen.

Gleichzeitig ist „Precious“ jedoch auch einer der hoffnungsvollsten Filme, die ich kenne, der Mut in Situationen zeigt, in denen man ihn nicht erwarten würde. Trotz all der Widerwärtigkeiten, die das Leben für Precious bereit hält (und es sind noch einige mehr als hier im Artikel beschrieben), gibt sie nicht auf, findet immer wieder einen Grund weiterzumachen und erhält tatsächlich irgendwann sogar Unterstützung von Menschen, denen sie nicht egal ist.

„Precious“ war 2010 für sechs Oscars nominiert (darunter in der Kategorie „Bester Film“) und gewann zwei davon: Zum einen wurde Drehbuchautor Geoffrey Fletcher für die Adaption des Romans „Push“, auf dem „Precious“ basiert, ausgezeichnet, zum anderen Mo’Nique für ihre grandiose Darstellung der in ihrer Selbstwahrnehmung und Weltsicht eingeschränkten Mutter Mary.

Infos zum Film

Precious –
Das Leben ist kostbar
(Precious)
USA, 2010
106 Minuten
Filmverleih: Prokino Filmverleih
Regie: Lee Daniels
Drehbuch: Geoffrey Fletcher
mit Gabourey Sidibe, Mo’Nique,
Paula Patton, Mariah Carey,
Lenny Kravitz
FSK: frei ab 12

 

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