Museum Hours (Jem Cohen)

Museum Hours (Jem Cohen)

Sehr ruhiger Film über Kunst und das Sehen: [usr 4.5]

Filmplakat Museum Hours
Filmplakat Museum Hours

Johann (Bobby Sommer) ist Museumswärter im Kunsthistorischen Museum in Wien. Dieser Job passt zu seinem Leben und seiner Einstellung dazu, denn nach vielen wilden Jahren als Punk und Roadie hat für ihn nun eine ruhige Phase begonnen. Seine Arbeit gibt ihm Gelegenheit, Menschen und Kunst gleichermaßen zu beobachten und bei beiden immer wieder neue Einzelheiten zu entdecken. Manche Menschen ziehen seine Aufmerksamkeit dabei besonders auf sich, wie beispielsweise Anne (Mary Margaret O’Hara), die einsam vor den Gemälden steht und sich ganz auf sie einzulassen scheint. Als Anne wenige Tage später wieder im Museum auftaucht, spricht Johann sie an und bietet ihr seine Hilfe an. So erfährt er, dass Anne aus Montréal kommt und in Wien ist, weil ihre Cousine, die sie seit Jahren nicht gesehen hat, Anne als Notfalll-Kontakt angegeben hatte und nun ein solcher Notfall eingetreten ist – die Cousine liegt im Koma.

Zwischen Johann und Anne entsteht fast unverzüglich eine Art Freundschaft, die sehr schnell zu sehr viel Offenheit zwischen den beiden führt. Johann zeigt der Kanadierin, die nicht viel Geld hat, Wien und vor allem seinen Arbeitsplatz und begleitet sie auch in die Klinik, um am Bett der Cousine von berühmten Kunstwerken zu erzählen. Immer wieder drehen sich die Gespräche der beiden um den Bezug zwischen Realität und Kunst, um die persönliche Bedeutung von Gemälden für sie und um den Stellenwert von Museen als Platz des kulturellen Austauschs.


 

Museum Hours: Zwei Stunden im Museum

Schon in der ersten Szene – auch die erste Szene des Trailers – weiß man, dass man es bei Museum Hours mit einem der Filme zu tun hat, bei denen die Art der Darstellung mindestens genau so viel zur Aussage des Films  beiträgt wie die inhaltliche Dimension des Gezeigten selbst: Eine Szenerie im Museum, in der nicht ersichtlich wird, ob der in der Mitte befindliche Museumswärter, die leere Besucher-Couch, die ausgestellte Kunst oder das alles beherbergende Gebäude selbst im Zentrum stehen, wird eine halbe Minute lang als völlig unbewegtes Bild gezeigt, bis seitlich jemand in die Szene hineinläuft und damit die Ruhe aus dem Gleichgewicht bringt. Viele weitere Szenen sind so gestaltet, wenn auch ohne diesen Überraschungseffekt. Der weitgreifende Verzicht auf Kamerafahrten, die Erzählung aus dem Off, die stellenweise wie der Vortrag eines Essays wirkt, die philosophischen Gespräche zwischen Anne und Johann – all dies führt dazu, dass Museum Hours als Brücke zwischen den verschiedenen Kunstformen wirkt, Film, Gemälde und Literatur zusammenbringt und alles auf seinen Zusammenhang zur Realität hin ausrichtet. Denn nicht nur ist der Film ein Kunst-Film im doppelten Sinne, zeigt und erklärt die Kunstwelt Wiens eindrücklich und ausführlich, sondern gleichzeitig wird die Welt selbst im Film zum Museum.

Anne schaut sich die Gemälde des Kunsthistorischen Museums an - Szenenbild aus Museum Hours
Anne schaut sich die Gemälde des Kunsthistorischen Museums an – Szenenbild aus Museum Hours

Diese Nahbarkeit und Wirklichkeitsnähe des Films kommt durch seinen fast dokumentarischen Stil zustande: die Stimme aus dem Off, die oft Hintergrundinformationen und Beschreibungen zu einzelnen Gemälden liefert, sowie die unglaubliche Ruhe des Films lassen einen zeitweise vergessen, dass es sich hier um einen Spielfilm handelt. Dieser Effekt ist natürlich gewollt, und Regisseur Jem Cohen arbeitete bewusst mit dem dokumentatiserfahrenen Kameramann Peter Roehsler zusammen, ließ den Johann-Darsteller Bobby Sommer Teile seiner eigenen Biografie in die Rolle bringen und verzichtete auf ein ausgearbeitetes Drehbuch und die Abriegelung von Drehorten. Stattdessen wurden Situationen geschaffen, in denen sich die Schauspieler selbst orientieren mussten, was zu einer besonders starken Authentizität der teils sehr persönlichen Aussagen führt.

Immer wieder erhält man in Museum Hours sehr persönliche Einsichten in die Bedeutung von Kunst und einzelnen Kunstwerken für den jeweiligen Betrachter, natürlich in den Gesprächen zwischen den beiden Hauptdarstellern, aber auch in einer zentralen Szene des Films, in der die Gastrednerin Gerda Pachner (Ela Piplits) einem halbwegs undankbaren Publikum ihre Sicht zu Pieter Bruegels Gemälde „Die Bekehrung des Paulus“ schildert, in der sich nur sehr schwer die zentrale Figur bestimmen lässt.

Ela Piplits - Szenenbild aus Museum Hours
Ela Piplits – Szenenbild aus Museum Hours

Diese Feststellung – die zentrale Figur muss nicht immer diejenige sein, um die es auf den ersten Blick geht – entspricht der Wahrnehmung des Regisseurs Jem Cohen, der dieses Bruegel-Gemälde als Ausgangspunkt und Inspiration für die Entstehung von Museum Hours nennt. Und so wundert es nicht, dass Bruegel einerseits immer wieder Thema des Films ist, Museum Hours selbst aber auch an ein Bruegel-Gemälde erinnert: Es ist schwierig zu bestimmen, wo das Zentrum liegt, man entdeckt bei jedem Ansehen weitere neue Details und der Film ist gleichzeitig eine detaillierte Darstellung und eine Abstraktion der Zeit, in der er entstanden ist.

Mit fast zwei Jahren Verspätung ist der im Jahr 2012 entstandene Film nun in den deutschen Kinos angelaufen. Museum Hours ist sicher kein Film von dem man sich „nur“ unterhalten oder berieseln lassen kann. Stattdessen ist eine Schule des Sehens, die einem auch sofort Zeit und Gelegenheit gibt, sich selbst im Erkennen von verborgenen Einzelheiten auszuprobieren. Darüber hinaus ist er natürlich auch eine Liebeserklärung an das Museum und an die Kunst an sich, die nie als etwas Überhöhtes und Distanziertes angesehen wird, sondern als Bestandteil des alltäglichen Lebens.

Infos zum Film

Museum Hours
USA/Österreich, 2012
106 Minuten
Filmverleih: Arsenal Institut
Regie: Jem Cohen
Drehbuch: Jem Cohen
mit Mary Margaret O’Hara,
Bobby Sommer, Ela Piplits
FSK: ohne Altersbeschränkung

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