Filmplakat In ihrem Haus

Filmplakat „In ihrem Haus“

Warum üben Geschichten einen solchen Reiz auf uns aus? Vielleicht, weil sie uns einen Blick in ein anderes Leben, eine andere Welt erlauben. Einen Blick, den einem niemand so nah, so unverfälscht gewähren würde. Man ist mit den Figuren zu Hause, sieht ihren Alltag – lebt sozusagen mit ihnen „in ihrem Haus“.

Germain (Fabrice Luchini) ist schon seines Berufs wegen von Geschichten fasziniert. Als Französisch-Lehrer versucht er mit überschaubarem Erfolg, seinen Schülern ein wenig Liebe zur Literatur zu vermitteln. Doch die 15jährigen haben ganz andere Interessen. Germain ist entsetzt und frustriert von den Aufsätzen, die er korrigieren muss, in denen seine Schüler ihr Wochenende auf „Pizza essen“ und „nichts machen“ herunterbrechen.

Doch ein Text sticht heraus aus den mit Minimalaufwand verfassten Hausaufgaben, von einem Schüler, der so unscheinbar ist, dass Germain sich nicht einmal an ihn erinnert: Claude (Ernst Umhauer) hat über einen Besuch bei seinem Klassenkameraden Rapha (Bastien Ughetto) geschrieben, der inhaltlich zwar bedenklich ist – Claude macht sich über Rapha und seine Mutter Esther (Emmanuelle Seigner) auf distanziert-herablassende Weise lustig – aber der Text ist so gut beobachtet, dass Germain ihn seiner Frau Jeanne (Kristin Scott Thomas) vorliest. Erwartungen weckend hat Claude seinen Aufsatz mit „Fortsetzung folgt“ beendet.


Abhängig von einer Geschichte

Aber Germain ist immer noch Lehrer, und so erklärt er Claude am nächsten Tag erst einmal, dass er über seine Mitmenschen so nicht schreiben darf. Doch Claude hat die angekündigte Fortsetzung schon verfasst und drängt sie seinem Lehrer geradezu auf. Und erreicht damit, was er vorhatte: Die in Fortsetzungen verfassten Texte machen Germain geradezu süchtig. Er will wissen, wie es weitergeht, und dass Claude sich bei Raphas Familie eingeschlichen hat, um sie zu Figuren in seinen Texten zu machen, stört ihn bald gar nicht mehr. Im Gegenteil: Germain gibt Claude private Schreib-Nachhilfe und erklärt ihm, wie wichtig es ist, dass es in seinen Erzählungen Konflikte gibt. Die der Junge dann selbst in der Realität herbeiführt, um über sie schreiben zu können.

Während er Raphas Familie und seinen Lehrer manipuliert, hält Claude selbst sich im Hintergrund und gibt nichts über sich preis. Nur an einer Stelle, sehr spät, darf man einen kurzen Blick auf Claudes Zuhause werfen. Vorher und nachher spielt es im Film und für die Erzählungen des Jungen keinerlei Rolle – doch an dieser einen, kurzen Stelle ist einem plötzlich klar, warum Claude sich in andere Familien, andere Leben wünscht.

 

Spiel zwischen Realität und Fiktion

„In ihrem Haus“ ist ein Film über das Erzählen, die Macht von Worten und Geschichten und die Entstehung von Abhängigkeiten. Dabei spielt der Film geschickt mit seinem Thema „Geschichten erzählen und Spannung erzeugen“. All die Tipps, die Germain seinem Schüler in Bezug auf das Schreiben gibt, hat der Film auch selbst umgesetzt.

Besonders hervorzuheben ist Ernst Umhauer, der den 15jährigen Claude geradezu furchteinflößend spielt. Von Anfang an merkt man, dass man ihm nicht trauen kann, und als man dann – in der oben erwähnten Szene – einen Blick in sein Leben geworfen hat, fragt man sich, ob man nicht doch vorschnell geurteilt hat.

„In ihrem Haus“ ist ein Film für Freunde von subtilen Thrillern und vor allem für Menschen, die Interesse fürs Geschichtenerzählen und Schreiben haben. Immer wieder setzt Claude die Anweisungen seines Lehrers um, ändert den Verlauf seiner Geschichten, die Darstellung seiner „Figuren“. Was wirklich geschieht und was nur Fiktion ist, bleibt am Ende offen. Aber das ist auch egal – denn in jedem Fall ist der Schluss so, wie er laut Germain sein soll: Man hat nicht damit gerechnet, weiß aber auch, dass es gar nicht anders hätte kommen können.

Infos zum Film

In ihrem Haus
(Dans la maison)

Frankreich, 2012
106 Minuten
Filmverleih: Concorde
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon
mit Fabrice Luchini, Ernst Umhauer,
Kristin Scott Thomas,
Emmanuelle Seigner
FSK: frei ab 12

 

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