Big Eyes (Tim Burton)

Big Eyes (Tim Burton)

Geschichte eines Urheber-Betrugs nach einer wahren Begebenheit: [usr 4.0]

Filmplakat Big Eyes
Filmplakat Big Eyes

Für jemanden, der sich mit Leib und Seele und jeder Menge Herzblut einer Sache verschreibt, gibt es wahrscheinlich keine größere Kränkung, als dass jemand anderes sich als Urheber der eigenen Leistung ausgibt. Ob man einen Text geschrieben, ein Essen zubereitet oder eine besondere Idee gehabt hat – wenn man selbst stolz und zufrieden mit seiner Leistung ist, möchte man die eigenen Federn natürlich nicht hergeben, damit ein Fremder sich damit schmückt.

Leider gab (und gibt) es manchmal gute Gründe dafür, jemand anderem den Ruhm für die eigene Arbeit zu überlassen, und zwar immer dann, wenn man davon ausgehen kann, dass dieser andere bessere Chancen hat, überhaupt zu Ruhm zu gelangen. Sowohl die Brontë-Schwestern als auch Joanne K. Rowling veröffentlichten ihre Bücher zunächst unter einem anderen oder verkürzten Namen – dem eines Mannes.

Margaret Ulbrich (Amy Adams), die Hauptfigur in Tim Burtons Big Eyes, ist schon 1958 keine Frau, die sich von Männern abhängig macht, und in einer Zeit, in der dies vor allem auf Unverständnis und Ablehnung stößt, verlässt sie mit ihrer kleinen Tochter Jane ihren Mann, zieht nach San Francisco und reicht die Scheidung ein. Auf sich selbst gestellt, sucht sie zunächst einen Job und versucht gleichzeitig, mit ihrer eigentlichen  Leidenschaft, dem Malen ganz besonderer Kinderportraits, künstlerisch Fuß zu fassen. Jedes ihrer Bilder ist ihrer Tochter nachempfunden, doch alle Figuren haben unnatürlich große, runde Augen – für Margaret das Symbol für die Seele ihrer Figuren. Auf einem Markt, auf dem sie für wenig Geld die Kinder der Touristen portraitiert, lernt Margaret Walter Keane (Christoph Waltz) kennen, der sich ganz der Darstellung Pariser Landschaften verschrieben hat. Die gemeinsame Leidenschaft für die Kunst verbindet die beiden sehr schnell, und als Margarets Ex-Mann droht, ihr die Tochter wegzunehmen, heiraten sie schnell, unkompliziert und glücklich verliebt auf Hawaii. Aus Margaret Ulbrich wird Margaret Keane, und der Hobby-Künstler Walter, der im Hauptberuf sehr erfolgreicher Immobilien-Makler ist, scheint Garant für eine weitestgehend sorgenfreie Zukunft zu sein.



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Big Eyes: Geschichte eines Betrugs

Während Margaret sich um ihre Tochter und ihre Kunst kümmert, versucht Walter, seine und ihre Bilder zu verkaufen. Die großäugigen Kinder-Gemälde finden jedoch eher Anklang als die 1.000 Mal auf dem Montmartre gesehenen Paris-Impressionen. Als erste Interessenten Walter fälschlicherweise für den Urheber von Margarets praktischerweise nur mit „Keane“ signierten Gemälden halten, widerspricht er nicht, um – wie er später gegenüber Margaret betont – die Aussicht auf ein Geschäft nicht zu zerstören. Während Margaret beim ersten Mal noch klar ihre Grenzen absteckt, ist sie beim zweiten, zufällig entdeckten Vorfall so überwältigt vom Betrug ihres eigenen Mannes, dass sie am Ende macht- und tatenlos zusieht, wie er ihre Werke als seine ausgibt und sie so zu einem guten Preis verkauft. Walter entpuppt sich als wahres Marketing-Genie, und so brechen für Familie Keane finanziell rosige Zeiten an. Margaret jedoch verzweifelt immer mehr, weil sie Nachschub für Walters Geschäfte liefern muss und weiß, dass keins ihrer Bilder je ihr zugerechnet werden wird. Noch dazu muss sie ihr gesamtes soziales Umfeld anlügen, verliert alle alten Freundschaften und entfernt sich immer weiter von ihrer eigenen Tochter.

Big Eyes beruht auf der wahren Geschichte der Malerin Margaret Keane, die jahrelang die Bilder malte, mit denen ihr Mann weltberühmt wurde. Tim Burton machte aus dem Kunst-Skandal, der in den 1970er Jahren seinen traurigen Höhepunkt vor Gericht fand, eine Geschichte über die Liebe zu selbst Erschaffenem, über das Zusammenspiel von Kunst und Kommerz und besonders auch über die noch immer nicht etablierte Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Der Grund, dass niemand daran zweifelt, dass Keane die Bilder, die er verkauft, auch selbst erschaffen hat, obwohl er nicht mal sagen kann, ob sie mit Öl- oder Acryl-Farben gemalt wurden, liegt darin, dass neben ihm eben „nur“ eine Frau steht, die selbstverständlich nicht als Urheberin in Frage kommt. Den Gipfel der Respektlosigkeit erreicht diese männlich dominierte Sichtweise, als Margaret glaubt, einen guten Kompromiss zwischen ihren eigenen Wünschen und den vor allem materiellen Bedürfnissen ihres Mannes gefunden zu haben. Mit einem neuen Stil, den niemand mit ihren Big Eyes-Bildern in Verbindung bringen kann, möchte sie sich neben Walters „Auftragsarbeiten“ selbst als Künstlerin etablieren. Mit einer längst verschollen geglaubten Beharrlichkeit setzt Margaret dann auch durch, dass sie ihre Kunst unter eigenem Namen Walters Haus- und Hof-Journalisten vorstellen darf. Walter relativiert ihre Leistung jedoch gleich wieder, indem er aus dem eigentlich ihr zustehenden Moment eine Präsentation der „anderen Künstler-Keanes“ macht und neben Margarets Selbstporträts gleichberechtigt die Blümchen-Bilder von Tochter Jane vorstellt – der große Künstler erlaubt seiner unbegabten Familie, sich ein wenig in seinem Ruhm zu sonnen.

Big Eyes-Darstellerin Amy Adams mit der echten Margaret Keane
Big Eyes-Darstellerin Amy Adams mit der echten Margaret Keane

Beidem wird in Big Eyes Raum gegeben: der Tatsache, dass es auch heute noch für einen Mann leichter als für eine Frau ist, für die gleiche Leistung Anerkennung zu finden, und dem großen Schmerz, der damit verbunden ist, dass jemand anderes mit der eigenen Arbeit glänzt. Und da spielt es natürlich keine Rolle, dass Margaret eine Frau und Walter ihr Mann ist. Mit jedem Bild, dass sich Margaret sichtlich ihrer Leidenschaft für die Malerei und für ihre Motive abringt, schenkt sie ein Stück ihrer selbst, dass in Walters eher pragmatischen Händen zu einer Option auf mehr Geld und ein luxuriöses Leben wird. Wer je erfahren hat, wie jemand anderes die eigenen Lorbeeren einstrich, wird sich immer wieder mit Margarets Schmerz und Demütigung identifizieren können.

Es gibt definitiv auch valide Kritikpunkte an Big Eyes: Die Erzählung ist in Teilen äußerst plakativ, die Szene der erwähnten Gerichtsverhandlung hat einen enorm hohen Fremdschäm-Faktor und hätte gut und gerne um 80% gekürzt können, und wahre Begebenheiten sind vielleicht einfach nicht das Gebiet, auf dem der für märchenhafte Bildwelten bekannte Regisseur Tim Burton am besten ist. Insgesamt aber ist die Geschichte über einen Kampf um den Fußabdruck, den man selbst in der Welt hinterlässt, berührend,  fesselnd und vor allem wichtig. Denn es ist erst 17 Jahre her, dass Joanne K. Rowling ihre Chancen, als Frau ein Buch zu verkaufen, als zu gering einschätzte, und von 193 Ländern werden gerade einmal 18 von einer Frau geführt. Bis man einer Frau grundsätzlich das Gleiche zutraut wie einem Mann, ist es noch ein weiter Weg, von dem wir seit den 1950ern erst ein kleines Stück gegangen sind.

Auch wenn Christoph Waltz in besagter Gerichtsszene kaum auszuhalten ist, liefert er insgesamt eine sehr gute Darstellung des rein monetär getriebenen Walter, der immer knapp oberhalb der Grenze eines „eigentlich kann man ihm ja nichts vorwerfen“ manövriert. Waltz wurde mit dieser Rolle für einen Golden Globe nominiert. Amy Adams gewann die Auszeichnungen sogar für ihre Verkörperung einer Frau, die mit ihrem Selbstbewusstsein, ihrem Ausdruckswillen und ihrem unglaublichen Mut ihrer Zeit weit voraus war.

Die echte Margaret Keane lebt in Kalifornien und malt auch heute noch. Der Film Big Eyes als Portrait der Künstlerin war für Tim Burton auch ein persönlicher Wunsch, da er ein großer Fan der Malerin und Sammler ihrer Bilder ist.

Infos zum Film

Big Eyes
USA, 2015
107 Minuten
Filmverleih: StudioCanal
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Scott Alexander,
Larry Karaszewski
mit Christoph Waltz, Amy Adams,
Danny Huston, Krysten Ritter,
Jason Schwartzman
FSK: frei ab 0

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